Matreszenz: Warum du dich nach dem Mamawerden neu kennenlernen darfst

Matreszenz: Warum du dich nach dem Mamawerden neu kennenlernen darfst

Ich kenne dieses Gefühl selbst sehr gut: Mitte zwanzig hatte ich meinen Masterabschluss in der Tasche, erste Berufserfahrung im HR-Bereich gesammelt und bereits einige Weiterbildungen absolviert. Ich hatte Lust zu arbeiten. Ich wollte Verantwortung übernehmen, mich weiterentwickeln und beruflich etwas erreichen.

Stück für Stück ging es voran. Und während meine beruflichen Ziele konkreter wurden, wuchs gleichzeitig der Wunsch nach einer Familie. Als dieser Wunsch in Erfüllung ging und ich Mutter von zwei Kindern wurde, fand ich mich irgendwann in einer Lebensphase wieder, auf die mich so richtig niemand vorbereitet hatte.

Hormonchaos. Berge schmutziger Wäsche. Berge sauberer Wäsche, die seit Tagen darauf warteten, eingeräumt zu werden. Eine Küche, die nie lange sauber blieb. Spielzeug im Wohnzimmer. Essensreste auf dem Boden. Und dazwischen zwei kleine Wirbelwinde, die sich leider nicht mal eben auf Pause stellen lassen.

Ich funktionierte. Organisieren. Wickeln. Trösten. Kochen. Aufräumen. Wieder von vorne. Es gab Tage, an denen ich mich ernsthaft fragte: Was habe ich mir dabei nur gedacht?

Wenn abends beide Kinder gesund im Bett lagen und Ruhe eingekehrt war, war ich manchmal vor allem froh, dass der Tag geschafft war. Nach einigen Monaten spielte sich unser Alltag mit zwei Kindern langsam ein. Ich kehrte zurück in meinen Beruf. Und genau dort wurde etwas sichtbar, für das im turbulenten Familienalltag vorher kaum Raum gewesen war. Abends saß ich immer häufiger da und dachte: Warum fühlt sich mein Leben plötzlich nicht mehr richtig nach mir an?

Ich liebe meine Familie. Ich bin dankbar. Trotzdem hatte sich etwas verschoben: Meine Grenzen waren andere geworden. Manche Dinge verloren an Bedeutung. Andere Bedürfnisse wurden lauter.

Auch mein Blick auf Arbeit, Erfolg und meine berufliche Zukunft fühlte sich plötzlich anders an. Heute weiß ich: Für einen Teil dieses Entwicklungsprozesses gibt es einen Begriff.

Matreszenz: Was bedeutet das eigentlich?

Der Begriff Matreszenz geht auf die Anthropologin Dana Raphael zurück. Er beschreibt den Entwicklungsprozess, den eine Frau durchlaufen kann, wenn sie Mutter wird. Denn durch das Mamawerden verändert sich weit mehr als der Tagesablauf. Körper, Beziehungen, soziale Rollen, Psyche und auch das eigene Selbstbild können sich entwickeln.

Matreszenz wird deshalb teilweise mit der Adoleszenz verglichen. Beide Lebensphasen gehen mit Veränderungen auf mehreren Ebenen einher. Der Vergleich hat Grenzen. Auch die Dauer von Matreszenz ist wissenschaftlich bislang nicht eindeutig definiert. Und wichtig: Matreszenz ist keine Diagnose.

Für mich steckt trotzdem ein entlastender Gedanke darin: Wir sprechen viel darüber, wie sich ein Kind entwickelt. Dass sich gleichzeitig auch die Mutter entwickelt, bekommt deutlich weniger Raum. Damit verändert sich eine entscheidende Frage. Statt ausschließlich zu überlegen:

„Wann werde ich endlich wieder wie früher?“

kannst du anfangen zu fragen:

„Wer bin ich heute?“

Wie verändert Schwangerschaft das Gehirn?

Dass sich das Mamawerden tiefgreifend anfühlen kann, ist auch aus neurobiologischer Sicht interessant. Schwangerschaft gilt als Phase ausgeprägter Neuroplastizität im Erwachsenenalter. Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit unseres Gehirns, sich strukturell und funktionell an neue Anforderungen und Erfahrungen anzupassen.

Gehirnveränderungen können Jahre später noch messbar sein

Hoekzema und Kolleg:innen untersuchten Frauen bereits vor ihrer ersten Schwangerschaft und anschließend erneut nach der Geburt. Dabei fanden sie Veränderungen des Volumens grauer Substanz, unter anderem in Gehirnregionen, die mit sozialer Informationsverarbeitung in Verbindung gebracht werden. Ein Teil dieser Veränderungen war noch mindestens zwei Jahre nach der Schwangerschaft messbar.

Neuere Forschung ergänzt dieses Bild. Eine 2025 veröffentlichte Längsschnittstudie begleitete 127 Frauen während ihrer ersten Schwangerschaft. Das Volumen der kortikalen grauen Substanz nahm während der Schwangerschaft im Durchschnitt um rund 4,9 Prozent ab. Bis sechs Monate nach der Geburt nahm es wieder um etwa 3,4 Prozent zu, ohne zu diesem Zeitpunkt vollständig auf dem Ausgangsniveau zu liegen.

Wird das Gehirn einer Mutter dadurch schlechter?

Dafür liefern diese Studien keinen Beleg. Ein geringeres messbares Volumen grauer Substanz bedeutet weder geringere Intelligenz noch automatisch schlechtere Leistungsfähigkeit. MRT-Studien zeigen strukturelle Veränderungen. Welche zellulären Prozesse dafür im Detail verantwortlich sind, wird weiterhin erforscht.

In der Forschung wird deshalb von Remodelling, also einem Umbau und Anpassungsprozess des Gehirns, gesprochen. Auch eine weitere Grenze ist wichtig: Wir können aus diesen Gehirnveränderungen nicht ableiten, dass eine Frau deshalb plötzlich ihren Job wechseln möchte oder andere Lebensziele entwickelt. Biologie, Psyche, Beziehungen, gesellschaftliche Erwartungen und unsere konkrete Lebenssituation wirken zusammen.

„Ich bin nicht mehr die Frau von früher.“

Genau dieser Gedanke beschäftigt viele Frauen nach dem Mamawerden. Und er berührt eine zweite Ebene der Matreszenz: unsere Identität.

Laney und Kolleg:innen führten ausführliche Interviews mit 30 Müttern über deren Identitätsentwicklung. Einige Frauen beschrieben das Gefühl, Teile ihres bisherigen Selbst verloren zu haben. Andere berichteten davon, dass ihre Identität durch die Mutterrolle erweitert wurde. Bestimmte Persönlichkeitsanteile wurden stärker oder bekamen eine neue Bedeutung. Darin steckt ein wichtiger Unterschied. Der Satz „Ich habe mich verloren.“ beschreibt möglicherweise nur einen Teil dessen, was gerade passiert.

Ein anderer Teil könnte lauten: „Ich entwickle mich und weiß noch nicht genau, wie diese neue Version von mir aussieht.“

Das kenne ich aus meinem eigenen Leben. Arbeit und Leistung waren lange ein wichtiger Teil meines Selbstbildes. Sie sind es bis heute. Ich möchte mich entwickeln. Ich arbeite gerne. Ich möchte etwas bewegen. Aber meine Vorstellung davon, was Erfolg für mich bedeutet, hat sich verändert. Zeit mit meiner Familie hat heute einen anderen Wert. Flexibilität ist wichtiger geworden. Sinn spielt eine größere Rolle. Und bei beruflichen Entscheidungen frage ich heute stärker: Wie soll Arbeit in mein Leben passen?

Auch Selbstwert und Selbstbild können sich durch das Mamawerden verändern

Selbstbild und Selbstwert werden häufig gleichgesetzt. Psychologisch beschreiben sie unterschiedliche Dinge.

Das Selbstbild umfasst, wie wir uns selbst sehen. Welche Eigenschaften schreiben wir uns zu? Was glauben wir, zu können? Welche Rollen gehören zu uns? Der Selbstwert beschreibt stärker, wie wir uns selbst bewerten.

Eine große norwegische Längsschnittstudie untersuchte 84.711 Mütter zu mehreren Zeitpunkten rund um Schwangerschaft und Mutterschaft. Im Durchschnitt sank der Selbstwert während der Schwangerschaft. Bis ungefähr sechs Monate nach der Geburt stieg er wieder an und entwickelte sich anschließend über die folgenden Jahre erneut. Ähnliche durchschnittliche Verläufe zeigten sich beim ersten, zweiten, dritten und vierten Kind.

Diese Ergebnisse beschreiben Durchschnittswerte. Eine einzelne Frau kann einen ganz anderen Verlauf erleben.

Trotzdem zeigt die Studie etwas Spannendes: Auch im Erwachsenenalter bleibt unser Blick auf uns selbst veränderbar.

Warum verändern sich Werte nach dem Mamawerden?

Genau an diesem Punkt wird verständlicher, weshalb sich frühere Lebensentscheidungen irgendwann anders anfühlen können. Mit 27 konnte Erfolg bedeuten: Aufstieg. Verantwortung. Einkommen. Anerkennung. Mit 37 und zwei Kindern können weitere Kriterien hinzukommen: Zeit. Flexibilität. Energie. Familienleben. Sinn. Sicherheit.

Das bedeutet nicht automatisch, dass beruflicher Ehrgeiz verschwunden ist. Die Maßstäbe, nach denen Erfolg bewertet wird, können sich verschieben. Auch dazu gibt es wissenschaftliche Hinweise.

Lönnqvist, Leikas und Verkasalo begleiteten unter anderem 292 Paare vom Beginn der Schwangerschaft bis drei Monate nach der Geburt. Bei den Frauen zeigte sich innerhalb des verwendeten Wertemodells eine stärkere Orientierung an sogenannten Conservation Values. Dazu gehören beispielsweise Sicherheit und Stabilität.

Die Studie hat klare Grenzen. Die Teilnehmer:innen kamen aus Finnland und der Zeitraum nach der Geburt war relativ kurz. Sie zeigt daher keinen allgemeingültigen Verlauf für alle Mütter. Sie gibt uns aber einen Hinweis: Auch Werte, die wir über Jahre als festen Bestandteil unserer Persönlichkeit erlebt haben, können sich während des Übergangs zur Elternschaft bewegen. Und damit können sich auch unsere Entscheidungen verändern.

Warum wird die Veränderung beim Wiedereinstieg nach der Elternzeit so sichtbar?

Für viele Frauen wird diese Entwicklung besonders deutlich, wenn sie nach der Elternzeit wieder arbeiten. Der Arbeitsplatz ist bekannt. Die Aufgaben sind vertraut. Und plötzlich fühlt sich trotzdem etwas anders an.

Genau das habe ich selbst erlebt. Ich wollte nach meinem Wiedereinstieg dort anknüpfen, wo ich aufgehört hatte. Als das Arbeitspensum mit meiner reduzierten Arbeitszeit kaum zu schaffen war, suchte ich die Ursache zuerst bei mir. Also optimierte ich. Mein Zeitmanagement. Meine Arbeitsweise. Unsere Organisation zuhause. Ich versuchte, effizienter zu werden. Irgendwann musste ich mir eingestehen: Ich kann mich nicht aus jeder Überforderung herausoptimieren.

Ich begann andere Fragen zu stellen: Was stresst mich konkret? Welche Aufgaben geben mir Energie? Wo verliere ich sie? Was brauche ich heute? Welche beruflichen Ziele passen zu meinem aktuellen Leben? Diese Fragen haben meinen Blick auf meine Situation verändert.

Was sagt die Forschung zum beruflichen Wiedereinstieg von Müttern?

Auch wissenschaftlich wird der Wiedereinstieg nach der Elternzeit als relevante Übergangsphase beschrieben. Hennekam und Kolleg:innen begleiteten 22 Erstgebärende nach der Geburt und erneut bei der Rückkehr in ihren Beruf. Die Identitätsentwicklung stand dabei unter anderem im Zusammenhang mit Karrierewünschen, Unterstützung durch den Partner, Arbeitsbedingungen, beruflichen Vorbildern und gesellschaftlichen Erwartungen. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 betrachtete zusätzlich 52 Studien zum Wiedereinstieg nach der Elternzeit. Immer wieder tauchten Themen wie Vereinbarkeit, Arbeitsbelastung, Wohlbefinden, Unterstützung und Flexibilität am Arbeitsplatz auf.

Die Forschung liefert jedoch keine belastbare Grundlage für die Aussage: Mütter wollen nach der Familiengründung automatisch einen neuen Beruf. Manche möchten zurück in ihre bisherige Rolle. Andere reduzieren ihre Stunden. Einige verändern Aufgaben oder Arbeitgeber. Und manche beginnen irgendwann, sich grundsätzlicher beruflich neu zu orientieren. Entscheidend ist, die eigene Veränderung ernst zu nehmen.

Was kannst du tun, wenn sich dein Beruf nach dem Mamawerden nicht mehr richtig anfühlt?

Du musst daraus nicht sofort eine Kündigung oder einen kompletten Neustart machen. Gib dir zuerst Raum, deine heutige Situation zu verstehen.

Frag dich: Wer bin ich heute? Was ist mir wichtiger geworden? Was brauche ich, damit Arbeit zu meinem Familienleben passt? Welche Vorstellung von Erfolg trage ich noch aus meinem früheren Leben mit? Welche Aufgaben geben mir Energie? Was möchte ich meinen Kindern darüber vorleben, wie ein gutes Leben aussehen kann?

Solche Fragen können helfen, aus einem diffusen Gefühl langsam konkrete Kriterien für die eigene Zukunft zu entwickeln.

Matreszenz darf auch eine Einladung sein

Ich hätte während meines eigenen Wiedereinstiegs gerne früher verstanden, dass Veränderung nach dem Mamawerden nicht automatisch bedeutet, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Mein Leben hatte sich verändert. Ich hatte mich verändert. Und deshalb durfte ich neu prüfen, was weiterhin zu mir passt. Genau dazu kann Matreszenz eine Einladung sein. Nimm dir bewusst Zeit für diese Phase. Versuche nicht, möglichst schnell wieder in deine frühere Version hineinzupassen.

Lerne die Frau kennen, die heute da ist: Was ist ihr wichtig? Was möchte sie sich zutrauen? Wie möchte sie leben? Und welche Rolle soll Beruf in diesem Leben spielen?

Wenn du merkst, dass sich beruflich etwas verändern soll, aber noch nicht weißt, wo du anfangen kannst, begleite ich dich gerne bei diesem Prozess. Wir schauen gemeinsam auf dein heutiges Selbstbild, deine Werte, Bedürfnisse und Fähigkeiten. Anschließend übersetzen wir diese Erkenntnisse in berufliche Möglichkeiten, die zu deinem heutigen Leben passen.

Studien und weiterführende Quellen

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